Inklusiver Probenraum: Der Wohlfühlraum für alle
Ein Proberaum ist mehr als ein Ort zum Singen. Er ist ein Wohlfühlort. Aber wer braucht was zum Wohlfühlen? Und wer kommt rein? Was einen inklusiven Chor ausmacht, damit haben sich die Chorleitenden im Rahmen der Wissenscafés von ChorYOUgend – Vol. 2 beschäftigt.

Der Probenraum ist die Home Base eines jeden Chores. Deshalb ist es wichtig, dass er für alle Menschen zugänglich ist. Um herauszufinden, ob das der Fall ist, hilft es, sich zu überlegen, was alles im Probenraum passiert – außer Singen natürlich!
In Chorproben spielen sowohl körperliche als auch mentale Aspekte eine Rolle: Die Teilnehmenden bewegen sich, lernen Lieder, trinken und arbeiten an ihrer Körperhaltung. Sie probieren Neues aus und lernen ihre eigene Stimme kennen; sie schließen Freundschaften, tragen Konflikte aus und verarbeiten Emotionen.
Kurz: Chorproben sind ein Ort des Lernens, der Kreativität und des Experimentierens, an dem Rituale und Routinen entstehen. All das braucht einen Raum, der Sicherheit, Offenheit und Konzentration ermöglicht.
Den Proberaum inklusiv gestalten
Ein inklusiver Raum unterstützt die Proben-Prozesse: Er ist hell, ruhig und gut belüftet – das fördert Konzentration und Wohlbefinden. Eine gute Akustik und möglichst wenig Ablenkung helfen beim gemeinsamen Arbeiten.
Die folgenden drei Schritte können euch dabei unterstützen, euren Proberaum inklusiv(er) zu gestalten.
1. Barrierefreiheit ermöglichen
Ein inklusiver Probenraum ist an erster Stelle barrierefrei. Das bedeutet: Alle Menschen können den Raum eigenständig ohne zusätzliche Hilfe erreichen, nutzen und wahrnehmen – unabhängig von körperlichen, sensorischen oder gesellschaftlichen Voraussetzungen. Um dies sicherzustellen, sind folgende Dinge notwendig:
- Rampen führen zu den nötigen Räumlichkeiten – falls jemand keine Treppen benutzen kann.
- Es gibt Sitzmöglichkeiten während der Probe und in Pausen.
- Schilder, relevante Aushänge und Wegweiser sind für alle verständlich und sprechen alle Identitäten an.
- Es gibt Möglichkeiten, sich vor Reizüberflutung zu schützen – zum Beispiel mit Kopfhörern oder ruhigen Erhol-Ecken.
- Im Raum finden sich nötige (technische) Hilfsmittel für die Chorprobe – zum Beispiel eine Whiteboard oder ein Beamer zum Anzeigen der Melodie oder Bilder als Gedächtnisstütze für Texte.
- Der Raum ist gut gelüftet und gleichzeitig warm genug für alle.

2. Bedürfnisse erfragen: Was brauchen wir und was lenkt uns ab?
Nehmt euch ausreichend Zeit, um im Chor Bedürfnisse an den Probenablauf und an den Proberaum abzufragen. Klärt vorher, wer diese „Bedürfnisrunde“ moderiert (zum Beispiel zwei Sänger:innen).
Folgende Fragen können als Orientierung dienen:
- Was brauchen die Chormitglieder und die Betreuenden, um sich wohlzufühlen? Beispiele für Bedürfnisse: Ruhe, Möglichkeit sich jederzeit zu bewegen, kurze Wege zur Toilette, etc.
- Was hilft uns beim Konzentrieren – was lenkt uns ab? Für manche Menschen ist es hilfreich, sogenannte StimmingTools verfügbar zu haben. Das sind Gegenstände, die zu wiederholenden kleinen Bewegungen und dadurch zur Selbstregulation anregen.
- Schreibt die genannten Bedürfnisse auf. Wichtig: Die unterschiedlichen Bedürfnisse werden nicht bewertet, sondern stehen gleichberechtigt nebeneinander. Tipp: Benutzt ein großes Plakat, damit alle die Bedürfnisse lesen und ggf. ergänzen können.
- Nachdem ihr sämtliche Bedürfnisse gesammelt habt, sollte sich das Organisations-Team des Chores extra zusammensetzen und überlegen, wie der Probenablauf und die Räumlichkeiten entsprechend angepasst werden können. Ein Raum bringt natürlich bestimmte Gegebenheiten mit sich, die nicht grundlegend verändert werden können. Jedoch könnt ihr bereits mit kleinen Maßnahmen die Wohlfühl-Atmosphäre verbessern – zum Beispiel, helle Lampen (Deckenfluter) in dunklen Ecken aufstellen oder vor der Probe einen Teppich ausrollen, damit sich Akustik und Gemütlichkeit im Raum verbessern.
3. Rückzugsmöglichkeiten und Infrastruktur
- Wichtig sind Rückzugsmöglichkeiten, ohne den Kontakt zur Gruppe zu verlieren. So können sich Menschen sammeln, regulieren oder pausieren, ohne sich ausgeschlossen zu fühlen, während Chorleitende und Betreuende den Überblick behalten. Eine Garderobe und gut erkennbare Infrastruktur und Wege erleichtern den Ablauf.
- Der Proberaum sollte gut erreichbar sein, ist idealerweise an den öffentlichen Nahverkehr angebunden. Damit sich niemand unwohl fühlen muss, sollten die Wege zum Raum und am Eingang ausreichend beleuchtet sein.
- Bei Bedarf können Fahrgemeinschaften gebildet werden.

Der ganze Chor profitiert von Inklusion
Die Chorleitenden von ChorYOUgend – Vol. 2 sind sich einig: Ein inklusiver Probenraum passt sich den Bedürfnissen der Chormitglieder an und ermöglicht allen die Teilnahme am gemeinsamen Musizieren. Das stärkt den Chor insgesamt, weil so mehr Menschen dabeibleiben können. Außerdem kann Inklusion bisher unbewusste Bedürfnisse sichtbar machen: Vielleicht war es manchen Chormitgliedern beispielsweise noch gar nicht bewusst, dass sie sich manchmal eine Ruhe-Ecke wünschen.