Gendersensible Stimmbildung
Männer-, Frauenstimmen – und alles dazwischen!

Vor kurzem hatten wir einen tollen Gast-Referenten bei unserer Online-Fortbildungsreihe: Mit Marius Bernard von Be_stimme haben wir gewohnte Chorbegriffe und -strukturen hinterfragt und mehr über gendersensible Stimmbildung im Jugendchor gelernt.
Die Stimme ist ausschlaggebend bei der Identitätsstiftung. Singen ist eine tolle Möglichkeit, die Stimme und damit die eigene Identität zu festigen. Viele Begriffe und Praktiken im Choralltag spiegeln die Vielfalt an möglichen Stimmen und Identitäten aber nicht ganz wider.
Abgesehen von der binär zuordnenden Einteilung in „Männer- und Frauenstimmen“ sind für viele Menschen auch „Bass, Tenor, Alt, Sopran“ noch mit klassischen Rollenbildern verbunden. Alternativ lassen sich Stimmgruppen auch neutraler zuordnen und bezeichnen, zum Beispiel:
orientiert an der Tonlage:
- Hoch, Mittel, Tief
- Eins, Zwei, Drei, Vier (…)
neutral:
- Gelb, Pink, Blau, Grün
- Amsel, Drossel, Fink, Star
- Rosen, Tulpen, Nelken, Krokusse
- … lasst der Fantasie freien Lauf 🙂
Fragt doch mal in euren Stimmgruppen, wie sie sich gerne nennen würden!
Ein weiterer wichtiger Moment ist der Stimmwechsel. Ein Stimmwechsel kommt sowohl in der Pubertät als auch bei einer Transition vor. In beiden Phasen wächst der Kehlkopf, wodurch die Stimme tiefer wird. Dieser momentane, gefühlte Kontrollverlust über die Stimme kann verunsichern. Gleichzeitig kann es schädigend für die Stimmbänder sein, Stimmlagen zu forcieren, die (noch) nicht den Stimmbändern entsprechen. Singübungen sind während eines Stimmwechsels sehr hilfreich – sowohl für die Stimme als auch für das Selbstbewusstsein.
Ermutigt deshalb Chormitglieder im Stimmwechsel, dabei zu bleiben und fragt, was ihnen guttut.
Auch für Menschen, die keinen Stimmwechsel durchlaufen, hilft das Singen, die Stimmlage zu finden, mit der sie sich identifizieren. Besonders unterstützt von anderen Sänger:innen in einer Stimmgruppe.
Offene Stimmgruppen ermöglichen das Experimentieren mit der eigenen Stimme.
Chormitglieder können verschiedene Stimmlagen und -gruppen ausprobieren, auch wenn sie eine Oktave höher oder tiefer singen. Wenn alle Chormitglieder alle Stimmen am mitlernen, können sie zwischen den Gruppen wechseln und lernen Töne und Techniken, die sie sich vielleicht gar nicht zugetraut hätten.
Am wichtigsten ist stets, dass sich alle in der Gruppe wohlfühlen, um sich zu trauen, sich zu zeigen.
Stimmt die Stimmung, kann sich die Stimme ab besten entfalten.
Dafür ist es hilfreich, regelmäßige Check-ins zu machen, Vertrauenspersonen oder Chor- oder Stimmgruppen-Sprecher:innen zu wählen, verschiedene Mitteilungs-Möglichkeiten einzurichten, Routinen und Rituale zu etablieren und es allen Mitgliedern ermöglichen, sich an der Gestaltung des Chorlebenes und an Entscheidungen zu beteiligen.
Lasst uns gemeinsam mehr über neue Rollenbilder im Chor austauschen und Gewohnheiten überdenken! Denn wenn wir uns öffnen für vielfältigere Stimmlagen, Übungen, Arrangements, Lieder und Menschen, wird das Chorleben einfach noch viel bunter und interessanter!
Bei Fragen rund um Diversität und Inklusion im Chor kannst du dich bei Andi melden: