Fachimpuls: Methoden der Liedvermittlung im Kinderchor

Ein Fachimpuls von Sabine Nick

In Zusammenarbeit mit der AG Kinderchorland

Übersicht

Lesedauer:
ca. 15 Minuten

In diesem Fachimpuls stellen wir euch vor, mit welchen Methoden ihr eure Lieder in der Probe vermitteln könnt. Zunächst geben wir Hintergrundinformationen, wie Kinder in den einzelnen Entwicklungsbereichen lernen und wie ihr Kinder in ihrer Entwicklung durch eure musikalische Arbeit im Kinderchor stärken könnt. Der theoretische Hintergrund hilft dabei, methodische Entscheidungen bewusst zu treffen und bietet Argumentationshilfen gegenüber Außenstehenden, wenn es darum geht, die Probengestaltung zu erklären und zu begründen. Wir geben außerdem verschiedene, praxisnahe Ideen, wie Lieder erlebnisreich eingeführt und gefestigt werden können und erklären, welche Methoden welchen Entwicklungsbereich stärken. So könnt ihr in eurer Chorprobe die persönlichkeitsstärkenden Effekte von Musik bewusst nutzen und einsetzen. Denn wenn der passende Rahmen dafür gestaltet wird, kann Musik ihre positive, ganzheitliche Wirkung auf die Persönlichkeitsentwicklung entfalten.

1. Grundsätzliches zur Probenmethodik und Liedvermittlung
2. Wie Kinder lernen
3. Methoden der Liedeinführung – Konkrete Umsetzungsideen
4. Abwechslungsreiche Methoden zur Vertiefung und Memorierung des Liedes
5. Fazit

1. Grundsätzliches zur Probenmethodik und Liedvermittlung

Im Rahmen des Kinderchorlandes haben wir die Vision, dass die Kinder das Mündige Musizieren erfahren. Dazu gehört auch, dass das Lernen kindgerecht erfolgt und die Bedürfnisse und Interessen der Kinder berücksichtigt und aufgegriffen werden. Kenntnisse über den Verlauf der Entwicklung in den unterschiedlichen Entwicklungsbereichen helfen euch dabei, die Probenmethodik danach auszurichten und abwechslungsreiche Ideen zu entwickeln. Das Singen ist ein ganzheitlicher Prozess. Alle Entwicklungsbereiche können dabei angesprochen werden, wenn ihr entsprechende Methoden einsetzt. In der Probenplanung und im Aufbau einer Probe könnt ihr den positiven Effekt von Musik auf die Entwicklung der Gesamtpersönlichkeit nutzen, auch wenn die Kinder das natürlich nicht bewusst reflektieren. Die gezielte Auswahl bestimmter Methoden ermöglicht es, bei Bedarf einen Entwicklungsbereich besonders zu stärken. Das klingt nach einem hohen Anspruch, ist aber durchaus gut machbar, wenn ihr bei der Liedvermittlung einige grundlegende Dinge beachtet. [1]

„Denn in 20 Minuten spielerisch mit Kindern ein Lied zu erarbeiten, dabei bestimmte Objekte oder Tänze einzubeziehen – das kann jeder ganz normal musikalisch begabte Mensch.“ [2]

Wenn ihr euch vorab intensiv mit der Melodie, dem Rhythmus und dem Text des Liedes auseinandersetzt und diese sicher beherrscht, vermeidet ihr einerseits in der Probe ungewollte Variationen und könnt andererseits Blickkontakt zu den Kindern herstellen und aufrecht erhalten. Es ist durchaus sinnvoll, ein Lied vor der Wahl der Methode zu analysieren. Dabei könnt ihr auch die im Folgenden dargestellten Lern- und Entwicklungsbereiche im Hinterkopf haben, dann kommen Euch sicher bereits bei der Analyse Ideen, wie das Lied abwechslungsreich vermittelt werden kann. [3]

2. Wie Kinder lernen

„Musik ist nichts, was kleinen Kindern erst 'vermittelt' werden müsste. Kinder sind von Anfang an Musiker. Frühe musikalische Förderung im spezifischen Sinn beginnt daher nicht an einem Nullpunkt, sondern geht von Fähigkeiten aus, die Kinder bereits mitbringen (...).“[4]

Kinder lernen scheinbar mühelos aus einer inneren Motivation heraus. Wir können sie beim Lernen durch optimale Rahmenbedingungen und geeignete Methoden unterstützen. Damit ihr dies in euren Chorproben berücksichtigen könnt, sind in diesem Fachimpuls wichtige Aspekte über die Art und Weise wie Kinder lernen, zusammengetragen. Vor diesem theoretischen Hintergrund können methodische Entscheidungen nicht nur intuitiv, sondern fachlich begründet getroffen werden.

2a) Die Entwicklung in den Entwicklungsbereichen greift ineinander

Um die kindliche Entwicklung zu erklären, wird oft von Entwicklungsbereichen gesprochen. Natürlich läuft die Entwicklung nicht isoliert in einzelnen Bereichen ab, sondern die Entwicklung in den Bereichen greift ineinander und muss daher ganzheitlich gefördert werden. Trotzdem hilft eine Einteilung dabei, über Beobachtungen zu sprechen und gezielte Unterstützungsmöglichkeiten auszuloten. In der Fachliteratur werden verschiedene Bereiche benannt. Grundlagen für die Reflektion der Arbeit in Kinder- und Jugendchören bieten der sensorische, motorische, soziale, emotionale, kognitiv-kreative, sprachliche oder der musikalische Bereich.

2b) Sensorischer Entwicklungsbereich

„Lieder lernen sich wie von selbst, wenn alle Sinne beteiligt sind“.[5]

Kinder lernen mit allen Sinnen. Sie kommen schon mit einer Vielzahl an sensorischen Erfahrungen auf die Welt und in den ersten Lebensjahren ist die sensorische Förderung und Anregung durch die Umgebung entscheidend für den weiteren Entwicklungsverlauf des Kindes.[6] Der Systemforscher Frederic Vester, der in Zusammenhang mit der Lerntypentheorie bekannt wurde, empfiehlt, bei der Wissensvermittlung auf vielfältige Methoden zu setzen, um möglichst viele Lernkanäle anzusprechen. Nicht alle Menschen lernen nach der gleichen Methode.[7] Beim Singen und bei der Liedvermittlung kommt dem Hören eine wichtige Rolle zu. Kinder haben Lust am Entdecken von Klängen und reagieren mit Neugier und Freude auf eine Umgebung, in der bekannte akustische Reize variiert und vielfältige, neue Klangereignisse angeboten werden.

Reflektionsfrage: Wie kann ich bei der Vermittlung des Liedes möglichst viele Sinneskanäle ansprechen? Lenke ich die Aufmerksamkeit auf das bewusste Hören? Wie kann ich auch den Gleichgewichtssinn und kinästhetischen Sinn anregen?

 

2c) Motorischer Entwicklungsbereich

Der Musikwissenschaftler Wilfried Gruhn betont insbesondere die Bedeutung von Bewegung im kindlichen Prozess der Verarbeitung von Höreindrücken.[8] Auch Andreas Mohr, Professor für Kinderstimmbildung, hebt hervor, dass Kinder das Singen ganzheitlich erleben „als eine den ganzen Körper erfassende Tätigkeit und einen aus allen Sinnen entspringenden Ausdruck.“[9]

Reflektionsfrage: Wie kann ich bei der Liedvermittlung Bewegung ermöglichen? Rege ich die Kinder zum Bewegen an und lasse ich es zu? Wie kann ich die Kinder in die Erstellung der Choreografie und das Erfinden der Bewegungen einbeziehen?

 

2d) Sozialer Entwicklungsbereich

In der Hattie-Studie belegte der Pädagoge John Hattie, dass der Lernerfolg nicht primär von der Methode oder der technischen Ausstattung abhängt, sondern dass es vor allem stark auf die Beziehung der Kinder zu der Person ankommt, die die Lerninhalte vermittelt.[10] Es ist von grundlegender Bedeutung, einen sicheren und freien Rahmen und eine angstfreie, vertrauensvolle Atmosphäre in der Probe zu schaffen.[11] Hierarchische Strukturen unterbinden ein gleichberechtigtes Miteinander, eigenständiges Reflektieren und eine kreative Lösungssuche der Kinder. Ein Kind strebt nach Selbstbildung: Es bildet sich aus sich selbst heraus, in dem es sich Wissen und Kompetenzen aktiv in der Auseinandersetzung mit seiner Umwelt aneignet.[12] Es lernt dabei von den Vorbildern, die es umgibt, nicht nur von den Erwachsenen, sondern auch von den anderen Kindern. Grundvoraussetzung dafür, dass das Kind sich kritisch und aktiv mit seiner Umgebung auseinandersetzen kann, ist eine achtsame Unterstützung, passende Anregung und individuelle Herausforderung durch Beziehungspersonen.[13] Den Chorleitenden kommt die wichtige Aufgabe zu, den Kindern Zeit und Raum zu geben für eigene Ideen und Lösungswege und das individuelle Wissen und die individuellen Fähigkeiten der Kinder aufzugreifen. Fundament dafür ist ein anerkennender und wertschätzender Umgang miteinander sowie die Partizipation der Kinder in möglichst allen Entscheidungsfragen.[14]

Reflektionsfrage: Ermögliche ich bei der Liedvermittlung Interaktion? Haben die Kinder zu mir generell eine gute Beziehung und ein vertrauensvolles Verhältnis? Wie gehen wir miteinander um? Bin ich ein Vorbild im Umgang miteinander? Unterstütze ich die Bildung von Freundschaften? Kann ich den Kindern bei der Vermittlung die Möglichkeit geben, sich gegenseitig Dinge beizubringen?

2e) Emotionaler Entwicklungsbereich

Lernen und Emotionen sind eng miteinander verknüpft. Bei Lernerfolgen kommt es zu Hormonausschüttungen, die wiederum dafür sorgen, dass das Lernfeld auch in Zukunft mit positiven Gefühlen verbunden wird und Lerninhalte sich nachhaltiger verknüpfen. Damit Kinder lernen, müssen sie sich also wohl fühlen und Freude und Spaß empfinden. Der Umgang mit Gefühlen ist nicht angeboren; Kinder müssen den Umgang mit ihren eigenen Gefühlen und den Emotionen anderer erst lernen. Dies geschieht, ebenso wie im sozialen Entwicklungsbereich, in erster Linie durch die Nachahmung von Vorbildern, nämlich von Erwachsenen und anderen Kindern. Das Kind erklärt sich die Welt durch Erfahrungen, die es in seiner Umwelt und in seinen Beziehungen macht. Diese Art zu Lernen nennt man Ko-Konstruktivismus. Emotionale Fähigkeiten entwickeln sich schrittweise und vor allem in den ersten sechs Lebensjahren. Musik spricht Kinder auf der nonverbalen, unbewussten Ebene an. Sie reagieren oft impulsiv, wenn sie z.B. bei schneller und rhythmischer Musik im wahrsten Sinne des Wortes nichts auf den Stühlen hält.

Reflektionsfrage: Wie kann ich bei der Liedvermittlung jedem Kind genug Aufmerksamkeit schenken? Bin ich Vorbild im Umgang mit meinen Gefühlen? Habe ich in Konfliktsituationen Verständnis? Gelingt es mir, mit herausforderndem Verhalten pädagogisch und verständnisvoll umzugehen? Gebe ich bewusst Lob und Anerkennung?

2f) Kognitiv-kreativer Entwicklungsbereich

Der kognitiv-kreative Entwicklungsbereich umfasst verschiedene Aspekte des Lernens, die mit der Informationsverarbeitung im Gehirn zusammenhängen: das Denken, das kreativ-schöpferische Gestalten (Entwicklung des Zeichnens und Malens, Bauens, Gestaltens, aber auch das Experimentieren mit Klängen und der Stimme), die Leistungsmotivation, das Neugierverhalten und die Entwicklung des Spiels.

Reflektionsfrage: Gebe ich den Kindern die Möglichkeit, bei der Liedvermittlung ihre Ideen einzubringen? Lasse ich kreative Lösungen zu, die von meinen Vorstellungen abweichen? Bestärke ich die Kinder im eigenständigen Denken? Gehe ich auf Fragen der Kinder ein? Rege ich die kindliche Neugier an und wähle überraschende Zugangsweisen?

2g) Der sprachliche Entwicklungsbereich

Auch wenn die sprachliche Entwicklung ein Teilbereich der kognitiven Entwicklung ist, kommt ihr eine besondere Bedeutung zu. Sprechen lernen beginnt mit dem genauen Zuhören – und somit ist jede gezielte Hörförderung eine Förderung der Sprache. Die Fähigkeit, Sprache in einzelne Laute und Silben zu zerlegen, Laute zu vergleichen, zu unterscheiden und wiederzuerkennen nennt man phonologische Bewusstheit.[15] Diese wiederum ist Voraussetzung nicht nur für das Sprechenlernen, sondern auch für den Schreib- und Leseerfolg in der Schule. Auch das selektive Hören, also die Fähigkeit, bestimmte Geräusche (insbesondere das gesprochene Wort) aus einer Geräuschkulisse herauszuhören, ist eine wichtige Fähigkeit, die im Straßenverkehr sogar überlebenswichtig ist. Durch Singen und musikalische Angebote können die phonologische Bewusstheit und das selektive Hören spielerisch gefördert werden, in dem z.B. wiederkehrende Melodieteile, Töne und Rhythmen hörend erkannt werden.

Reflektionsfrage: Bietet das ausgewählte Lied eine variantenreiche Sprache? Wie kann ich bei der Liedvermittlung Sprachanlässe schaffen und die Kinder dazu anregen, mit der Sprache kreativ umzugehen und zu spielen? Bin ich Sprachvorbild?

2h) Der musikalische Entwicklungsbereich

Die musikalische Entwicklung ist genauso wie die sprachliche Entwicklung stark mit der kognitiven Entwicklung verknüpft. Sie lässt sich in verschiedene Bereiche einteilen, z.B. die Entwicklung der melodischen, harmonischen und der rhythmischen Fähigkeiten und die auditive Entwicklung. Außerdem gibt es kulturspezifische Aspekte, die die musikalische Entwicklung beeinflussen.[16] Grundbereiche der musikalischen Entwicklung sind die Wahrnehmungsschulung und die Freude des Kindes am Selbstausdruck, am Entdecken von Kreativität und an der Bewegung zu Klängen und zur Musik.[17]  Kinder brauchen einerseits vielfältige musikalische Anregungen und praktische Erfahrungsmöglichkeiten und andererseits fachliche Anleitung, um sich musikalisches Können und Kenntnisse und Wissen über Musik anzueignen. Dabei geht der Lernprozess immer vom aktiven Tun aus.[18]

Reflektionsfrage: Biete ich den Kindern ein breites, stilistisch vielfältiges Liedrepertoire an? Rege ich die Kinder an, bei der Liedeinführung über das eigene Tun zu reflektieren? Unterstütze ich die Kinder aktiv in der Verbesserung ihrer musikalischen Fähigkeiten, z.B. durch Solmisation, Stimmbildungsübungen, Körperübungen, Rhythmusschulung...? Vermittle ich den Kindern in meiner Chorprobe musikalisches Wissen, z.B. über graphische Notation? Verwende ich bei der Liedvermittlung Fachbegriffe wie “Refrain” und “Strophe”?

Wie Kinder lernen: Zusammenfassung

Kinder lernen dann besonders lustvoll und begeistert, wenn

  • alle Sinne angesprochen werden
  • sie die Möglichkeit erhalten und dazu angeregt werden, sich dabei zu bewegen
  • das Lernen in einem sicheren Rahmen und in angstfreier Atmosphäre stattfindet
  • sie viel in Interaktion mit anderen Kindern kommen
  • eine gute Beziehung zur Chorleitung und dem Chorbetreuungsteam da ist
  • sie dabei Spaß, Freude und Glück empfinden
  • sie ihre eigenen Ideen einbringen können und sich kreativ entfalten dürfen
  • theoretische Inhalte durch praktisches Tun und Ausprobieren vermittelt werden

3. Methoden der Liedeinführung – Konkrete Umsetzungsideen

Bei der Liedvermittlung gibt es zwei Zugangsweisen: Ich kann entweder vom Lied ausgehen und überlegen, welche Vermittlungsmethoden sich aus der Liedanalyse (z.B. dem Thema, dem Text, der Melodie usw.) ergeben oder ich analysiere den Stand der Gruppe und gehe vom Bedarf der Kinder aus, um eine geeignete Methode zu planen.


Die Wahl der jeweiligen Methode hängt dabei von vielen Faktoren ab: Manchmal brauchen die Kinder viel Aktivität und Bewegung; an einem anderen Tag kann es sein, dass sie mehr zur Ruhe kommen und zu sich selbst finden wollen. Einmal fordern sie Interaktion und Gruppenspiele, beim nächsten Mal wollen sie lieber für sich allein singen. Außerdem möchte ich vielleicht an einem bestimmten musikalischen Aspekt wie z.B. der Vermittlung der Mehrstimmigkeit arbeiten, die Intonation verbessern oder mit Hinblick auf ein bestimmtes Konzertprogramm an bestimmten Liedern weiterproben. Im Sinne eines Mündigen Musizierens gilt es, sowohl die sozial-pädagogischen als auch die musikalischen Ziele im Blick zu haben, so dass die Kinder sowohl in der Entwicklung ihrer Gesamtpersönlichkeit als auch in ihrer musikalischen Entwicklung unterstützt und gefördert werden. Die Wahl der geeigneten Methode hilft somit auch der Weiterentwicklung des musikalischen Ausdrucks. Bei der Wahl einer geeigneten Methode zur Liedvermittlung spielt auch die Gruppenzusammensetzung, das Alter und der Entwicklungsstand der Kinder eine Rolle. Natürlich hat jede*r Chorleiter*in individuelle Vorlieben und kann nur dann ein Lied authentisch vermitteln, wenn sie oder er überzeugt ist vom eigenen Tun. Grundsätzlich kann jedes Lied über eine Vielzahl an Methoden vermittelt werden. Im praktischen Tun werdet ihr bestimmt merken, wie gewinnbringend es für euren Chor sein kann, ein Gespür für die Bedürfnisse der Kinder zu entwickeln, flexibel darauf einzugehen und die Methoden dementsprechend anzupassen.

Mit einer erlebnisreich gestalteten Liedeinführung gelingt es, die Kinder zu begeistern, sie zu beteiligen und ihre Neugier auf das Lied zu wecken. Im Folgenden stellen wir euch vier Möglichkeiten vor, ein neues Lied einzuführen, wobei jede Methode den Kindern bestimmte Lernerfahrungen ermöglicht. Oft bietet es sich an, diese vier Methoden miteinander zu verbinden oder in aufeinanderfolgenden Proben die Methoden abzuwechseln, um ein Lied variantenreich zu wiederholen.

3a) Bilder/ Fotos/ Gegenstände

Mithilfe der folgenden Methoden wird vor allem (aber nicht ausschließlich) der sensorische Entwicklungsbereich angesprochen. Ich kann Bilder, Fotos und Materialien verwenden, um die Sinne der Kinder anzusprechen und die Wahrnehmung der Kinder zu schulen. Hierbei kann die visuelle und haptische Wahrnehmung angesprochen werden, wenn ich über Bilder die Handlung des Liedes verdeutliche. Dies fordert die Kinder zum verbalen Austausch auf und regt die Kinder dazu an, selbst kreativ zu werden und sich auch über die Probe hinaus mit dem Thema des Liedes zu beschäftigen. Um ein Lied auf diese Art einzuführen, decke ich z.B. die Handlung darstellende Bilder in der passenden Reihenfolge, während ich das Lied singe (z. B. je Strophe ein Bild). Es ist auch möglich, während des Singens das Bild vor den Augen der Kinder zu malen oder die älteren Kinder selbst die Handlung aufmalen zu lassen. Dabei wird jede Strophe mehrmals wiederholt. So können die Kinder sich den Text und die Reihenfolge der Strophen schneller merken.

Eine weitere Variante ist die sogenannte „Erzählschiene“ von Don Bosco.[19] Hier können Papierfiguren passend zur Handlung des Liedes aufgestellt und hin und her bewegt werden. Dies regt die Kinder dazu an, selbst tätig zu werden und die Figuren zu bewegen oder eigene Figuren herzustellen, somit wird die haptische Wahrnehmung (das Betasten und Befühlen) zusätzlich zur visuellen Wahrnehmung geschult. Bei vielen Liedern bietet es sich an, statt Bildern reale Gegenstände mitzubringen, z.B. Kastanien, Steine, Tücher, Herbstblätter, Federn o.ä. Dann kann eine Explorationsphase, in der die Kinder mit den Materialien experimentieren können, sehr bereichernd sein und zu weiteren gemeinschaftsbildenden Spielen anregen. Durch das Betasten, Riechen, Sehen und evtl. sogar Schmecken der mitgebrachten Materialien wird die Sinneserfahrung vervollständigt. Ob bei dieser Explorationsphase schon das Lied summend oder singend eingeführt wird, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Natürlich ist unser primäres Ziel mit den Kindern zu singen und das Lied zu erarbeiten, doch im Sinne des Mündigen Musizierens lohnt sich die Überlegung, wie die sozial-pädagogischen Ziele und Potentiale mit den musikalisch-ästhetischen in Balance gebracht werden können und sich gegenseitig befruchten. Falls zum Beispiel das Ausprobieren mit viel Aktivität, Unruhe und Geräuschen verbunden ist, kann es ratsam sein, zunächst nicht dazu zu singen, da die Kinder sehr vom genauen (Zu-)hören abgelenkt werden. So würde der Fokus zunächst auf die sozial-pädagogischen Potentiale gelegt werden: Die gemeinsame Freude am Ausprobieren und Ideen finden verbindet und setzt kreative Energie frei, die im nächsten Schritt für die musikalisch-ästhetische Arbeit und die weitere Liederarbeitung genutzt werden kann. Wenn der spontane Spieltrieb befriedigt ist und das Material an Aufforderungscharakter verloren hat, können die Kinder die Ohren öffnen und bewusst der Melodie des Liedes lauschen.

Eine kognitivere Zugangsweise bietet sich über die Verwendung von Text- oder Symbolkarten an. Der formale Aufbau des Liedes wird mit Hilfe von verschiedenfarbigen Karten visualisiert: Jeder Formteil wird mit einem Symbol dargestellt oder der gesamte Text des Liedes wird in den Formteilen auf Karten geschrieben. Hierbei hat die Refrainkarte immer dieselbe Farbe, genauso wie die Strophe, Bridge, Intro etc. Nun können die Kinder die Karten hörend in die richtige Reihenfolge bringen. Bei kürzeren Liedern können auch die einzelnen Noten- oder Textzeilen als „Hörpuzzle“ in Streifen zerschnitten werden und die Kinder puzzeln sie während des Hörens wieder in der richtigen Reihenfolge zusammen. Es bietet sich an, auch hier über die farbige Gestaltung der Textstreifen den formalen Aufbau des Musikstückes zu visualisieren. Sicher fällt den Kindern auf, dass eine Farbe häufiger vorkommt als die anderen, was mir die Gelegenheit gibt, den Begriff „Refrain“ zu erklären oder sogar zu erläutern, was eine „Rondoform“ ist, nämlich eine musikalische Form, bei der ein Teil, der „Refrain“ genannt wird, immer wiederkehrt. Auch einzelne musikalische Motive können in Notenschrift notiert werden und die Kinder suchen sie beim wiederholten Hören der Melodie und bringen sie z.B. in die richtige Reihenfolge. Dadurch werden den Kindern musikalische Grundkenntnisse niedrigschwellig und praktisch vermittelt.

3b) Gespräch oder eine Geschichte

Insbesondere der sprachliche Entwicklungsbereich wird gefördert, wenn ich über ein Gespräch mit Impulsfragen zum Thema hinführe, z.B. „Welche Jahreszeit haben wir?“, „Woran erkennt ihr das?“, „Was magst du am Herbst?“, und den Kindern Zeit gebe für kreative Antworten und regen Austausch. Dabei gilt es, die Kinder durch offene Fragen (also Fragen, die nicht nur mit einem Wort zu beantworten sind) zum Nachdenken anzuregen. So wird den Kindern ermöglicht, ihre eigenen Ideen und Assoziationen zum Liedthema miteinzubringen, sich emotional auf das Thema einzustellen und eine gemeinsame, aber auch individuelle Verbindung zum Lied aufzubauen. Dies ist auch eine gute Möglichkeit, schwierige Wörter, die im Liedtext vorkommen, bereits aufzugreifen und zu erklären (= vorentlasten). Insbesondere bei fremdsprachigen Liedern ist es wichtig, die Aussprache zu klären und deutlich vorzusprechen. Kinder sind neugierig auf andere Sprache und sind sehr interessiert daran, andere Sprachen kennenzulernen. Um Wertschätzung für die fremde Sprache zu vermitteln, bietet es sich an, Hintergrundinformationen zu der Sprache zu geben, z.B. zur Geografie, zur Kultur, zur wirtschaftlichen Situation des Landes, in der sie gesprochen wird. Bei älteren Kindern kann eine Landkarte gezeigt werden o.ä.

Ihr könnt auch eine Geschichte erzählen, die die Handlung des Liedes aufgreift oder zum Lied hinführt. Bei jüngeren Kindern könnt ihr ein zum Thema des Liedes passendes Bilderbuch ganz oder in Ausschnitten vorlesen oder gemeinsam mit den Kindern betrachten. Eventuell werden dabei schon Teile des Liedes in die Handlung eingebaut und auf Tonsilben gesungen. Eine schöne Idee aus Finnland ist der Liederbeutel (=Laulapussi): zum Lied passende Gegenstände (z.B. Tierfiguren oder bemalte Erzählsteine) werden in einem Liederbeutel gesammelt und diese den Kindern zum “Bespielen” während des Singens zur Verfügung stellen. Auch der Text des Liedes kann notiert und laminiert im Beutel stecken. Durch das gemeinsame Spielen wird nicht nur der kognitiv-kreative Entwicklungsbereich, sondern auch die soziale Entwicklung und die Interaktion unterstützt. Lieder sind gesungene Geschichten; somit kommt dem Text natürlich eine wichtige Rolle zu.[20] Denkt daran, dass es Spaß macht, mit der kindlichen Neugier zu spielen! Kinder wollen wissen, wie die Geschichte ausgeht. Bei einem Lied mit mehreren Strophen ist es also meist nicht sinnvoll, das ganze Lied mit vollständigem Text vorzusingen, denn nehmt ihr das Ende des Liedes vorweg, baut ihr alle Spannung ab.

3c) Bewegung

Ich kann das kindliche Bedürfnis nach Bewegung aufgreifen, in dem ich das Thema des Liedes nutze, z.B. schleichen wir vor dem Singen eines Katzenliedes alle wie eine Katze durch den Raum, während die Melodie am Instrument erklingt oder ich das Lied auf Tonsilben singe. Die Kinder können dabei selbstgewählte Raumwege oder im Kreis oder als Schlange durch den Raum gehen, zu zweit, in Kleingruppen oder alleine, während sie die Melodie des Liedes auf Tonsilben hören und nach und nach mitsingen. Ich kann die Kinder auch nach und nach am Platz abholen, bis sich alle in einer Schlange durch den Raum bewegen.

Eine weitere Idee, die sich insbesondere anbietet, wenn wenig Platz zum Bewegen da ist, ist ein Einstieg über Pantomime. Bei dieser Methode wird vor allem der motorische Lernbereich mit dem sensorischen verknüpft. Durch die Einbindung von eigenen Bewegungsideen der Kinder wird die kreative Entwicklung gestärkt. Ich mache erst nur die Bewegungen (z.B. Gesten oder Klanggesten), die das Lied begleiten sollen, nonverbal vor und fordere die Kinder auf zu erraten, worum es in dem Lied geht. Hierbei kann das Lied auf Tonsilben gesungen oder gesummt werden, es kann aber auch reizvoll sein, nur die Gesten in Stille zu zeigen, um Spannung aufzubauen. Wenn das Thema erraten wurde, singe ich das Lied mit Text vor. Dann gebe ich den Kindern die Möglichkeit, eigene Ideen zu nennen, um das Lied mit Gesten zu begleiten oder in Kleingruppen eigene Gesten zum Lied zu erfinden. Hierzu kann ich parallel die Melodie des Liedes immer wieder auf einem Instrument (z.B. Altblockflöte oder Altmetallofon) spielen oder auf Tonsilben singen. Die Kinder werden zum Singen ermutigt, steigen nach und nach ein und singen mit. Um den Kindern wenn nötig Hilfestellung zu geben, gehe ich von Gruppe zu Gruppe und ermutige sie, nicht zu viel zu reden, sondern im praktischen Tun auszuprobieren. Je nach Schwierigkeitsgrad des Liedes singen die Kinder dabei entweder die ganze Zeit und üben durch das Finden der zum Lied passenden Bewegungen mehrfach den Text und die Melodie oder sie verinnerlichen die Melodie hörend. Ich helfe den Kindern, beim Singen die richtige Tonlage zu finden und korrigiere falls nötig individuell. Falls sich ein prägnanter Rhythmus mit Klanggesten als immer gleichbleibendes Begleitungsmuster (=Ostinato) anbietet, kann ich auch diesen zuerst etablieren, um dann das Lied (oder den Refrain) über dieses Begleit-Ostinato hinweg durch Call and response zu vermitteln. Carl Orff verstand unter “Klanggesten” die körpereigenen Klängen Klatschen, Stampfen, Patschen und Schnipsen. In der sogenannten Bodypercussion werden diese Klänge erweitert, z.B. durch Trommeln auf den Brustkorb, Schläge auf die Wangen etc.

3d) Die Melodie singen oder spielen

Das Hören ist eine Grundvoraussetzung für die musikalische Entwicklung, für die Sprachentwicklung und spielt auch in der sozialen Interaktion eine große Rolle. Indem ich musikalische Aspekte des Liedes in den Vordergrund stelle, fördere ich das genaue Hinhören und lege meinen Fokus auf die musikalische Entwicklung. Die Kinder lernen zunächst die Melodie kennen und verinnerlichen sie, indem ich das Lied zunächst auf einem Instrument vorspiele, z.B. Altblockflöte, Metallofon oder Klavier oder auf Tonsilben vorsinge.

Hierbei kann auch die „Luftschrift“ verwendet werden, d.h. die rechte oder linke Hand bewegt sich dem Melodieverlauf entsprechend auf und ab durch die Luft, wodurch ich ein motorisches Element miteinbaue und den Kindern Bewegung ermögliche.[21] Das genaue Hinhören kann verstärkt werden durch Höraufträge wie „Zählt mit, wie oft das Wort …. im Lied vorkommt“ oder in Verbindung mit Solmisationsgesten[22]: „Zeigt mit der Hand mit, wann der Grundton do erklingt.“ Wenn die vorgesungene Phrase auf dem Grundton endet, kann ich diesen auslassen; durch einen auffordernden Blick oder eine auffordernde Geste werden die Kinder ermutigt, ihn singend zu ergänzen. Dies fördert die innere Tonvorstellung und führt zum ”Auditieren”, dem ”bewussten, auf den musikalischen Zusammenhang hin orientiertes Hören”.[23]

Bei leichten Kanons können auch die einzelnen Zeilen direkt „übereinander gestapelt“ werden, indem die Chorleitung im Stil eines Live-Arrangements die einzelnen Zeilen Kleingruppen zuweist (auch „falscher Kanon“ genannt). Die Gruppen können auch in mehreren Kreisen oder frei verteilt im Raum stehen. So wird das neue Lied direkt mehrstimmig eingeführt, was zu einem umfassenden Klangerlebnis führt. Die Kinder werden aufgefordert, sich gegenseitig gut zuzuhören und nach einer gewissen Zeit die Stimmen zu tauschen. Auch wenn hier die musikalischen Aspekte im Vordergrund stehen, spielen je nachdem, welche Aufgabe den Kindern gestellt werden, auch die anderen Entwicklungsbereiche eine Rolle.

4. Abwechslungsreiche Methoden zur Vertiefung und Memorierung des Liedes

Nun ist das Lied eingeführt, die Kinder haben es kennengelernt und die meisten können es schon ganz gut singen. Weiteres Üben ist aber notwendig, damit alle Kinder mitsingen können und die Kinder z.B. den Text auch aufgeregt auf der Bühne wissen und das Lied selbstbewusst vor Publikum singen können. Wiederholung und Ritualisierung gibt Kindern Sicherheit. Dies gilt auch für musikalische Erarbeitungsprozesse. Allerdings wird es Kindern schnell langweilig, ein Lied immer und immer wieder auf die gleiche Art und Weise zu wiederholen, bis es „sitzt“. Auch hier gilt es, möglichst abwechslungsreiche Methoden einzusetzen.

„Die Übungssequenzen geraten für sie [die Kinder, Anm. d. Aut.] durch das – notwendigerweise – ständige Wiederholen irgendwann einmal zu Stereotypen, die man nur passiv absolviert.“[24]

Daher ist die Chorleitung gefragt, immer neue, lustvolle Impulse anzubieten.

„Denn Lieder wollen sich immer wieder von einer anderen Seite zeigen. Je mehr unterschiedliche Sinneserfahrungen damit verbunden sind, desto abwechslungsreicher jede Wiederholung und umso komplexer kann sich das Gelernte im Gehirn verankern.“[25]

Im Folgenden werden unterschiedliche Umsetzungsmöglichkeiten für die Wiederholung und Festigung eines Liedes vorgestellt. Dabei wird auf die unterschiedlichen Entwicklungsbereiche eingegangen.

4a) Umsetzungsideen vorwiegend im motorischen Entwicklungsbereich

In diesem Fachimpuls wurde schon öfter darauf hingewiesen, dass der Bewegung beim Lernen eine besondere Bedeutung zukommt. Auch in der Phase der Festigung des Liedes könnt ihr die Kinder aktivieren, indem ihr ihrem angeborenen Bedürfnis, Musik körperlich auszudrücken, Raum gebt. Auch in der Musik findet sich Bewegung: Die Melodielinien gehen auf und ab, der Rhythmus wechselt zwischen schnellen und langsamen Notenwerten. Dies ist das wesentlich Musikalische, was in körperlicher Bewegung deutlicher wahrgenommen wird.[26] Wie ihr schon bei den Methoden der Liedeinführung gesehen habt, geht es schon mit geringstem Aufwand, Bewegung in die Chorprobe zu integrieren, z.B. indem man die Kinder auffordert, beim Singen durcheinander zu gehen, auf den Boden geklebte Formen abzulaufen o.ä. Habt ihr die Kinder schon einmal aufgefordert, sich auf die Stühle zu stellen? Schon erleben sie ein neues Singgefühl und damit einhergehend Freude und Motivation.[27] Durch solistisches Singen im geschützten Rahmen könnt ihr den Kindern Selbstwirksamkeitserfahrungen ermöglichen. Solistisches Singen stärkt das Selbstvertrauen und die Kinder hören ihre Stimme alleine. Dies fördert die Wahrnehmung. Außerdem gleichen die Kinder ihre Eigenwahrnehmung mit der Fremdwahrnehmung ab, wenn sie Rückmeldung bekommen. Es versteht sich von selbst, dass diese Rückmeldung wertschätzend und ermutigend ist. Die Kinder können bekannte Lieder ganz oder einzelne Zeilen solistisch singen, auch in Verbindung mit Bewegung, z.B. so: Alle Kinder stehen verteilt im Raum. Ein Kind beginnt, singt einen Teil des Liedes, während es zu einem anderen läuft. Sobald es beim anderen Kind angekommen ist, nimmt es dessen Platz ein, dafür übernimmt das andere Kind das Singen und geht weiter zum nächsten Kind. Wenn nicht so viel Platz ist, kann auch ein Kreis gebildet werden, in dem die Kinder sich einen Ball zuwerfen, wer den Ball hat, singt das Lied weiter. Schon das Verteilen der Kinder im Raum, entweder alleine oder zu zweit, ermöglicht ein ganz neues Hörerlebnis.
Um die Koordinationsfähigkeit zu fördern, bieten sich weitere Möglichkeiten an: Die Kinder können z.B. paarweise Klanggestenmuster oder Klatschspiele erfinden. Kinder ab dem Grundschulalter besitzen im Normalfall schon ein gewisses Repertoire an Klatschspielen im geraden Metrum, die sie auf das Lied anpassen können. Allerdings können auch zu ungewohnten und ungeraden Taktarten Klatschspiele erfunden werden. Die praktische Auseinandersetzung mit dem “Ungewohnten” kann zu einem einfacheren Verinnerlichen führen.[28] Die Kinder können sich auch in Kleingruppen eigene Gesten und Choreografien zum Lied ausdenken. Angefangen von „Mickey-Mousing[29] bis hin zu fertigen Tanzschritten ist alles möglich. Ihr werdet erstaunt sein, wie kreativ die Kinder sind! Material wie Tücher, Bälle, Ringe, elementare Instrumente bieten weitere Möglichkeiten. Ich begleite die Kinder in der Erarbeitungsphase, ermutige, gebe Hilfestellung und achte darauf, dass die Kinder sich nicht im Diskutieren verlieren, sondern dass sie ihre Ideen möglichst direkt ausprobieren und praktisch umsetzen. Die Kinder sind aber selbstständig aktiv und ich mische mich nur ein, wenn es nötig ist. Es kann ein Ansporn sein, wenn die Kinder die Möglichkeit haben, sich im Anschluss ihre eigenen Choreografien gegenseitig vorstellen. In den darauffolgenden Proben kann dann aus den vielen einzelnen Ideen eine gemeinsame Choreografie entwickelt werden. Manchen Kindern fällt es zunächst schwer, vor anderen oder frei zu tanzen. Hier kann es eine Alternative sein, Kuscheltiere oder Puppen mitzubringen, mit denen die Kinder beim Singen am Platz oder im Raum tanzen können. Auch eine Schattenwand bestehend aus einem von hinten beleuchteten Laken bietet eine „vor Blicken geschützte Zone“, um Bewegungen auszuprobieren. Es ist ein Riesenspaß, vor der Wand zu erraten, wer gerade tanzt.

4b) Umsetzungsideen vorwiegend für den musikalischen und den sprachlichen Entwicklungsbereich

Eine Spielidee, die das saubere Singen eines Liedes und die genaue tonale, innere Hörvorstellung im Sinne des „Auditierens“ fördert, ist das „Radiospiel“[30]. Ich drehe an einem imaginären, großen Knopf die Lautstärke des Liedes rauf oder runter, so dass das Lied entweder verstummt, während die Kinder im Kopf stumm weitersingen oder wieder ertönt und „weiterläuft“, und zwar an der Stelle, an der die Kinder im Kopf gerade angekommen sind. Es können auch einzelne Kinder zum Weitersingen aufgefordert werden.
Das Erfinden weiterer, eigener Strophen kann bei vielen Liedern dazu führen, dass die Kinder sich über einen langen Zeitraum hinweg mit einem bekannten Lied identifizieren und es immer wieder singen wollen. Dabei können die neuen Strophen sich am Thema des Liedes orientieren oder auch komplett davon abweichen. Bei langen Liedern kann ich Impulse geben, indem ich z.B. bestimmte Wörter vorgebe, die die Kinder in die neue Strophe einbauen können. Natürlich wird so auch die sprachliche Entwicklung und das Spielen und Experimentieren mit der Sprache gefördert. Ich kann die Kinder auch ermutigen, über das harmonische Gerüst zu improvisieren und so die Melodie mit neuen melodischen Phrasen weiterzuspinnen. So kann auch eine zweite Stimme zum Lied „erfunden“ werden.
Bei Liedern in anderen Sprachen fragen die Kinder meist nach der Übersetzung, was auch für eine authentische Interpretation des Liedes wichtig ist. Es kann auch versucht werden, mit den Kindern gemeinsam eine passende deutsche Übersetzung zu finden, die sich auf die Melodie singen lässt. Im Konzert kann die deutsche Übersetzung, bevor das Lied in der Originalsprache gesungen wird, rezitiert werden, während die Begleitung im Hintergrund erklingt oder der Chor das Lied leise summt.
Es lohnt sich, verschiedene Möglichkeiten für den Schluss und den Beginn eines Liedes gemeinsam mit den Kindern auszuprobieren und die Wirkung zu reflektieren: Ein Lied kann z.B. solistisch beginnen, mit Lautmalerei, a capella oder es kann „ausgefadet“ werden (diminuendo bis zum Schweigen) oder mit einem lauten Stampfer enden. Ich lasse die Kinder mitentscheiden, ob das Lied ein Vor- oder Nachspiel braucht oder nicht.
Die Kinder in die Konzeption und Planung eines ganzen Konzertprogrammes einzubinden, eröffnet viele neue Möglichkeiten. Kinder haben ganz andere Ideen als Erwachsene. Wenn sie ermutigt werden, einen roten Faden zwischen den einzelnen Liedern herzustellen, indem sie sich eine Geschichte dazu ausdenken, kommen die kreativsten Lösungen heraus. Es versteht sich von alleine, dass die Kinder dann alle Lieder immer wieder üben wollen, um das „Konzept“ zu erproben und daran zu feilen.
Kinder lassen sich immer wieder durch den Einsatz von Instrumenten mitreißen.  Angefangen von körpereigenen Klängen (Klanggesten) hin zum kleinen Schlagwerk und Selbstbauinstrumenten über Boomwhacker zu den Stabspielen – hier eröffnen sich viele Möglichkeiten, die Kinder für ein bereits seit längerem bekanntes Lied wieder neu zu begeistern. Durch die instrumentale Begleitung kann das Lied einen ganz neuen Charakter bekommen oder stilistisch authentischer wirken (z.B. wenn bei interkulturellen Liedern das passende Instrument eingesetzt wird). Dadurch wird das musikalische Repertoire der Kinder erweitert und sie werden offen und neugierig gegenüber Ungewohntem und Fremdem, was eine Toleranzförderung darstellt.
Der formale Aufbau des Liedes, die Entstehungsgeschichte, biographische Daten zur Komponistin oder zum Komponisten oder zur Dichterin oder dem Dichter können weiterführende Aspekte sein, die das Lied plötzlich in ganz neuem Licht erscheinen lassen. Auch die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Aufnahmen, Bearbeitungen und Coverversionen kann Anlass zum Austausch und zur Diskussion bieten und so zur weiteren Beschäftigung mit dem Lied motivieren. Die Erfahrung, dass unterschiedliche Menschen dasselbe Lied unterschiedlich interpretieren und dass nicht alle dieselbe Version präferieren, hilft dabei, zur eigenen Stimme zu stehen und eine eigene Interpretation zu wagen – die eigenen musikalischen Vorlieben zu entwickeln ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Musikalischen Mündigkeit.

4c) Umsetzungsideen vorwiegend für den emotionalen Entwicklungsbereich

Den Kindern die Wirkung von Musik bewusst zu machen, eröffnet ihnen eine neue Ausdrucksmöglichkeit und ein Ventil für Gefühle. Auch als Energiequelle kann Musik dann gezielt eingesetzt werden, was lebensbereichernd sein kann. Musik und Singen kann sogar als Gewaltprävention verstanden werden. Daher ist es wichtig, dass ich den Kindern die Möglichkeit gebe, über ihre Gefühle zu sprechen. So bekommen sie einen neuen Blick auf Lieder und ich lerne die Kinder von einer anderen Seite kennen. Eine Umsetzungsmöglichkeit: Die Kinder verteilen sich im Raum. Ich teile Papier und Stifte aus. Nun singen wir gemeinsam ein bekanntes Lied. Anschließend gebe ich den Kindern Zeit, um auf dem Papier Adjektive zu notieren, die beschreiben, was das Lied in ihnen auslöst. Jedes Kind legt sein Blatt anschließend in die Mitte des Raumes. Das Lied wird erneut gesungen, dabei gehen die Kinder im Kreis um die in der Mitte liegenden Blätter und lesen, was die anderen geschrieben haben. Im anschließenden Austausch können die Kinder, die möchten, über das, was sie geschrieben haben und ihre Gefühle sprechen.

4d) Umsetzungsideen für den kognitiv-kreativen Entwicklungsbereich

Musik wirkt interdisziplinär; verschiedene Künste wie Darstellendes Spiel, Literatur, Bildende Kunst können ohne großen Aufwand mit Hilfe von Musik verbunden werden. Die Handlung eines bekannten Liedes kann vielseitig ästhetisch-kreativ umgesetzt werden. Dadurch beschäftigen die Kinder sich vertieft mit dem Thema des Liedes und drücken nonverbal ihre Empfindungen aus. Da diese Ideen in der Umsetzung Zeit brauchen, bietet es sich an, dies an Probenwochenenden durchzuführen. Es kann z.B. entweder jeder einzeln auf einem eigenen Blatt malen oder alle gemeinsam auf lange Tapete, Packpapier oder großen Karton. Unterschiedliche Materialien bieten vielseitige Anregungen, z.B. Fingerfarben, verschieden große Pinsel, Wachsmalstifte, Holzstifte... Ermutigt die Kinder dazu, auch nichtgegenständlich und flächig zu malen! Im Anschluss betrachten wir gemeinsam die entstandenen Bilder und wer will, kann sein Bild erklären. Je näher die Bilder dem Höreindruck entsprechen, umso eher laden sie ein, den Bezug zum Musikstück herzustellen und daraus z.B. zur graphischen Notation überzuleiten. Es gibt auch Lieder, die inhaltlich das Thema „malen“ aufgreifen.
Durch die szenische Umsetzung des Liedes im Rollenspiel identifizieren sich die Kinder mehr mit dem Lied, die Handlung wird körperlich erfahrbar gemacht und die soziale Interaktion unterstützt. Diese Methode kennen schon die Kleinsten aus dem Kindergarten von Kreisspielen und darstellenden Liedern. Die Handlung des Liedes kann auch in Standbildern umgesetzt werden, die eventuell sogar fotografiert und bei der Aufführung ausgestellt oder als Kulisse verwendet werden. Besonderen Spaß haben die Kinder, wenn hierzu vielfältiges Verkleidungsmaterial wie Hüte, Tücher, Bänder vorhanden ist. Selbst Schminkutensilien können zum Einsatz kommen. Es geht aber natürlich auch gänzlich ohne Material.
Die Gestaltung von Schattentheaterfiguren und die gemeinsame Erarbeitung eines Skripts zum Lied sorgt für intensive Beschäftigung mit dem Lied über einen längeren Zeitraum und wird das Publikum bei der Aufführung in Staunen versetzen.

Fazit

In diesem Fachimpuls wollten wir euch Möglichkeiten aufzeigen, Lieder den Kindern in der Probe möglichst erlebnisreich beizubringen, sie dabei für das Lied zu begeistern und sie gleichzeitig in ihrer musikalischen Entwicklung zu fördern. Dies kann durch die Berücksichtigung der kindlichen Entwicklungsbereiche gelingen. Außerdem war es unser Ziel im Sinne des Mündigen Musizierens ein Bewusstsein zu schaffen für das sowohl sozial-pädagogischen als auch das musikalisch-ästhetische Potential, das in der Kinderchorarbeit steckt. Mit unseren Fachimpulsen möchten wir Euch dabei helfen, dass es gelingt, in der Probe beide Aspekte möglichst gut miteinander zu verbinden und in Balance zu bringen. Damit Entscheidungen nicht nur intuitiv aus dem Bauch heraus und nach Gefühl getroffen werden, vermitteln wir euch dabei auch theoretisches Hintergrundwissen. Unsere Anregungen sollen dazu dienen, neue Aspekte in der musikalischen Arbeit mit Kindern zu entdecken, vorhandene, eingefahrene Strukturen zu reflektieren und Neues auszuprobieren. Wir wünschen euch und den Kindern dabei viel Spaß!

Autorin

Sabine Nick

Musikpädagogin (EMP), Chorleiterin und Schulmusikerin.

“Einem Kind zur eigenen Stimme zu verhelfen, bedeutet, es für sein gesamtes, weiteres Leben zu stärken.”

Quellen

  • Bensel, Joachim und Haug-Schnabel, Gabriele: „Vom Säugling zum Schulkind – Entwicklungspsychologische Grundlagen“, in: Kindergarten heute spezial, Herder, Freiburg im Breisgau 2004.
  • Brand, Ulrike; Klusen, Bernd; Lennards, Jos (Hrsg.): „Jeder kann Singen“- Lehrerhandbuch Ward-Methode, German Edition 1992.
  • Ernst, Manfred: „Praxis Singen mit Kindern“.
  • Fiedler, Herbert: „Heute schon gesungen?“, in: Kindergarten heute, 2/2006.
  • Friedel, Nora-Henriette: „Singen im Alltag der Kita: Mit Spaß und Know-how“, in: Frühe Kindheit 2/18.
  • Goodkin, Doug: „Play, Sing and dance“, Schott 2002.
  • Gruhn, Wilfried: „Wie Kinder Musik wahrnehmen und erleben“ unter www.wgruhn.de/Wie%20Kinder%20Musik%20wahrnehmen.pdf (letzter Zugriff am 17.03.2021)
  • Hattie, John: „Lernen sichtbar machen für Lehrpersonen“, Schneider, 3. Auflage.
  • Hirler, Sabine: „Wahrnehmungsförderung durch Rhythmik und Musik“, Herder, Freiburg im Breisgau 2012.
  • Jank, Werner (Hrsg.): „Musikdidaktik“, Cornelsen Skriptor, 3. Auflage, Berlin 2005.
  • Kreusch-Jacob, Dorothee: „Schmetterlinge im Ohr“ in Frühe Kindheit, 2/2018.
  • Mohr, Andreas: „Zwei kleine Schrittchen vor – Singen und Bewegen in der Kinderstimmbildung“, in:  Fuchs, Michael (Hrsg.): „Kinder und Jugendstimme Band 6: Stimme Körper Bewegung“, Logos, Berlin 2012.
  • Pachner, Rainer: „Vokalpädagogik“, Bosse Verlag, Kassel, 3. Auflage 2008, S.54.
  • Reich, Kersten: „System-konstruktivistische Pädagogik“, Beltz, Weinheim 2010.
  • Schäfer, Gerd E.: „Bildung beginnt mit der Geburt“, Beltz, 2. Auflage, Weinheim und Basel 2005.
  • Schäfer, Gerd E.: „Bildungsprozesse im Kindesalter“, Beltz 2016.
  • Seeliger, Maria: ”Das Musikschiff”, con brio, 2. Auflage, Regensburg 2005.
  • Stadler-Elmer, Stefanie: „Kind und Musik. Das Entwicklungspotenzial erkennen und verstehen“, Springer, Berlin 2015.
  • Vester, Frederic: „Denken Lernen Vergessen“ DTV, 35. Auflage 1998.
  • Wieblitz, Christiane: „Lebendiger Kinderchor“.
  • www.donbosco-medien.de/erzaehlschiene/c-549 (letzter Zugriff am 19.03.2021).
  • www.phonologische-bewusstheit.de/sonstiges/glossar.htm (letzter Zugriff am 01.04.2021)

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[1] In unseren hier verlinkten gleichnamigen Fachimpulsen finden sich wichtige Impulse zum „Guten Singen mit Kindern“ und zur „Liedauswahl“.

[2] Friedel, Nora-Henriette: „Singen im Alltag der Kita: Mit Spaß und Know-how“, in: Frühe Kindheit 2/18, S.56.

[3] Bei Interesse an einer eigens entwickelten Checkliste, die Möglichkeiten für die Liedanalyse aufzeigt, bitte eine Mail an info@deutsche-chorjugend.de schicken.

[4] Schäfer, Gerd E.: „Bildung beginnt mit der Geburt“, Beltz, 2. Auflage, Weinheim und Basel 2005, S.137.

[5] Kreusch-Jacob, Dorothee: „Schmetterlinge im Ohr“, in: Frühe Kindheit, 2/2018, S.33.

[6] Hirler, Sabine: „Wahrnehmungsförderung durch Rhythmik und Musik“, Herder, Freiburg im Breisgau 2012, S.11.

[7] Vester, Frederic: „Denken Lernen Vergessen“ DTV, 35. Auflage 1998.

[8] Gruhn, Wilfried: „Wie Kinder Musik wahrnehmen und erleben“ unter www.wgruhn.de/Wie%20Kinder%20Musik%20wahrnehmen.pdf (letzter Zugriff am 17.03.2021)

[9] Mohr, Andreas: „Zwei kleine Schrittchen vor – Singen und Bewegen in der Kinderstimmbildung“, in:  Fuchs, Michael (Hrsg.): „Kinder und Jugendstimme Band 6: Stimme Körper Bewegung“, Logos, Berlin 2012, S.137.

[10] Hattie, John: „Lernen sichtbar machen für Lehrpersonen“, Schneider, 3. Auflage.

[11] Mehr zu „Guter Kinderchorarbeit“ im Positionspapier der Deutschen Chorjugend.

[12] Schäfer, Gerd E.: „Bildungsprozesse im Kindesalter“, Beltz 2016.

[13] Bensel, Joachim und Haug-Schnabel, Gabriele: „Vom Säugling zum Schulkind – Entwicklungspsychologische Grundlagen“, in: Kindergarten heute spezial, Herder, Freiburg im Breisgau 2004, S.57.

[14] Reich, Kersten: „System-konstruktivistische Pädagogik“, Beltz, Weinheim 2010.

[15] www.phonologische-bewusstheit.de/sonstiges/glossar.htm (letzter Zugriff am 01.04.2021)

[16] Stadler-Elmer, Stefanie: „Kind und Musik. Das Entwicklungspotenzial erkennen und verstehen“, Springer, Berlin 2015.

[17] Jank, Werner (Hrsg.): „Musikdidaktik“, Cornelsen Skriptor, 3. Auflage, Berlin 2005.

[18] Jank, Werner: „Musikdidaktik“, S. 102.

[19] www.donbosco-medien.de/erzaehlschiene/c-549 (letzter Zugriff am 19.03.2021)

[20] Goodkin, Doug: „Play, Sing and dance“, Schott 2002, S. 32

[21] Ernst, Manfred: „Praxis Singen mit Kindern“, S.30.

[22] Solmisation: Methode, um die Tonstufen und deren Lage im Tonsystem durch bestimmte Silben und Gesten zu verdeutlichen.

[23] Seeliger, Maria: ”Das Musikschiff”, con brio, 2. Auflage, Regensburg 2005, S.101

[24] Pachner, Rainer: „Vokalpädagogik“, Bosse Verlag, Kassel, 3. Auflage 2008, S.54.

[25] Kreusch-Jacob, Dorothee: „Schmetterlinge im Ohr“ in Frühe Kindheit, 2/2018, S.33.

[26] Pachner, Rainer: „Vokalpädagogik“, S.54.

[27] Fiedler, Herbert: „Heute schon gesungen?“, in: Kindergarten heute, 2/2006, S. 6 ff.

[28] Weitere Ideen zu Klatschspielen: Wieblitz, Christiane: „Lebendiger Kinderchor“, S. 91ff.

[29] Der Begriff „Mickey-Mousing“ stammt aus dem Film und Zeichentrick zu Zeiten, als es noch keine Möglichkeit gab, Musik am Computer digital zu bearbeiten. Bewegungen der Figuren wurden mit plakativer Musik untermalt, wenn z.B. jemand die Treppe herunterging, erfolgten abwärts führende Melodielinien.

[30] Brand, Ulrike; Klusen, Bernd; Lennards, Jos (Hrsg.): „Jeder kann Singen“- Lehrerhandbuch Ward-Methode, German Edition 1992.