Zur Bedeutung des Singens in der Ganztagsschule

Vorbemerkung:

Wissenschaftliche Studien haben längst nachgewiesen, dass Singen und instrumentales Musizieren einen hervorragenden Beitrag in der Entwicklung und Erziehung von Kindern und Jugendlichen leisten. Kinderlieder helfen bei der Sprachentwicklung. Musizieren im Kindesalter verstärkt die Verbindungen zwischen der rechten und linken Hirnhälfte und fördert damit Analysefähigkeiten. Eine Studie aus Berlin hat gezeigt: Grundschulkinder, die aktiv musizieren, sind sensibler, seelisch stabiler, sozial engagierter, geistig beweglicher. Sie lernen sogar besser, als Gleichaltrige ohne musikalische Alltagserfahrung. Eine neue Studie aus Frankfurt beweist auch: Aktives Singen führt zu messbaren Stärkungen des Immunsystems.

Singen ist in der Entwicklung des Menschen die natürliche Eingangspforte zum Musizieren. Deshalb ist jede Pädagogik, die das Singen ausblendet, mit dem Mangel der Unvollkommenheit behaftet. Deshalb gehört Singen in den Erziehungs- und Bildungskanon der jungen Familien, der Kindergärten, der Grund- und weiterführenden Schulen. Deshalb bestehen der Deutsche Chorverband und die Deutsche Chorjugend, mit 700.000 aktiven Sängerinnen und Sängern aller Altersgruppen in 22.000 Chören Deutschlands hörbarste 'Stimme fürs Singen', darauf, dem Singen seinen gebührenden Platz im Curriculum des Regelunterrichts zurückzugeben und ihm auch in der Ganztagsschule breiten Raum zu verschaffen.

Thesen zu Ganztagsschule und Musik:

  • Die Ganztagsschule kann für die Musikausübung und speziell auch für die Entwicklung der Singstimme und des Chorgesangs sehr gute Möglichkeiten bieten. Instrumentalmusik und Gesang dürfen dabei allerdings nicht in die Rolle eines pädagogischen Lückenbüßers gedrängt werden.
  • Der PISA-Schock darf nicht dazu führen, die Ganztagsschule dafür zu nutzen, einseitig das kognitive Bildungsangebot zu stärken. Vor einem Übergewicht der Wissens-Fächer warnte nicht zuletzt Bundespräsident Johannes Rau mit seinem Hinweis auf die ganzheitliche Bildungsverpflichtung der Schule.
  • Da durch den verlängerten Schultag der zeitliche Spielraum für die im Privatbereich liegende Instrumentalausbildung oder den Chorgesang im Verein sich erheblich verengt, steht zu fürchten, dass unsere über Jahrhunderte gewachsene bürgernahe Musikkultur nachhaltig geschädigt wird, wenn es nicht gelingt, diese Ausbildungsbereiche wenigstens teilweise in die Ganztagsschule zu integrieren.
  • Die vokale und instrumentale Musikausbildung macht Kinder und Jugendliche sensibler, seelisch stabiler, sozial engagierter, verbessert auch die intellektuellen Lernfähigkeiten und fördert die allgemeine Gesundheit. Ziel sollte es sein, die Freude und Begeisterung am Singen und Musizieren im Ganztagsunterricht so zu wecken, dass daraus eine wesentliche Beschäftigung auch in der Freizeit werden kann.
  • Die in vielen Ländern angestrebte Verkürzung der Schulzeit ist sinnvoll nur über die Erweiterung zur echten Ganztagsschule zu erreichen. Sonst sinkt die Qualität der Ergebnisse, statt das angestrebte höhere Niveau (PISA) zu erreichen. Das gilt auch für den musikalischen Bereich.

Forderungen

Wegen der hohen Bedeutung des Singens und Musizierens bei der kognitiven, emotionalen und sozialen Entwicklung der Kinder und Jugendlichen fordert der Deutsche Chorverband

  • das tägliche Singen in der Grundschule,
  • eine ausreichende Quantität des Musikunterrichts im herkömmlichen Schulsystem und in der Ganztagsschule,
  • eine stärkere Berücksichtigung des Singens in den Musiklehrplänen der allgemeinbildenden Schulen,
  • eine umfassende Berücksichtigung der vokalen und instrumentalen Tätigkeit von Schülerinnen und Schüler im ganztägigen Betreuungsangebot der Ganztagsschule (Vorschlag: etwa sieben Stunden an drei Tagen),
  • eine stärkere Gewichtung des Bereichs Chorgesang und Pflege der Kinderstimme bei der Ausbildung der zukünftigen Kindergärtnerinnen und Musiklehrer,
  • Fortbildung der vorhandenen Fachlehrkräfte, um Defizite im Bereich Chorgesang und Pflege der Kinderstimme zu kompensieren.

Kooperation

Der Deutsche Chorverband begrüßt ausdrücklich das Vorhaben, die Musikschulen in die Kooperationskonzepte der Ganztagsschulen einzubeziehen, um den heutigen Stand der Instrumentalausbildung zu sichern und weiter auszubauen. Der Deutsche Chorverband ist sich bewusst, dass die Kooperationsmöglichkeiten mit ehrenamtlich geführten Chorvereinen begrenzt sind. Er kann aber auf Modelle verweisen, die schon länger existieren und die deutlich machen, in welcher Weise ehrenamtlich geführte Chorvereine, die Schule und andere Kulturträger der Kommunen sinnvoll zusammenarbeiten können.
Der Deutsche Chorverband und seine Mitgliedsverbände und -chöre bieten also den Schulen Hilfe und Kooperation je nach den örtlichen Möglichkeiten an. Diese können z.B. wie folgt aussehen:

  • Betreuung von Sing- und Chorgruppen im ganztägigen Angebot der Ganztagsschulen
  • Öffnen der Chorleiterfort- und ausbildungsangebote für die Lehrkräfte der Schulen und befähigte Schülerinnen und Schüler
  • Gemeinsame Auftritte von Schulen und ortsansässigen Chören in Konzerten und anderen öffentlichen Veranstaltungen
  • Verwirklichung von Großprojekten (z.B. Musiktheateraufführungen) in Zusammenarbeit mit verschiedenen Kulturträgern, Musikschule und Ganztagsschule.

Die Deutsche Chorjugend verfügt über zahlreiche Chorleiter aus dem Kinder- und Jugendbereich, die ihre Fähigkeiten und Erfahrungen bei der Konzeption des neuen Sing- und Musikunterrichts in Ganztagsschulen einbringen können. Der Deutsche Chorverband und die Deutsche Chorjugend werden Wege suchen, diese Kompetenz noch stärker zu aktivieren. Es ist schließlich an eine internet-gestützte Ideenbörse und an einen institutionalisierten Gedankenaustausch zu allen musikpädagogisch relevanten Fragen im Bereich zwischen Schule und Chor gedacht.