Kindgerechtes Singen

Der gesellschaftliche Kontext des gemeinschaftlichen Singens von und mit Kindern und Jugendlichen ist zurzeit im Umschwung und von vielfältigen Entwicklungen geprägt. 


Imageveränderung

Die oft beschriebene Diskreditierung des gemeinschaftlichen Gesangs im letzten Jahrhundert hinterlässt zweifelsohne ihre Spuren. Aktuell mangelt es besonders an qualifizierter Anleitung zum Singen sowie zur Singvermittlung. Zugleich verändert sich das Image des Chorgesangs und die Zahl der Akteure und Beteiligten wächst.

Die zunehmend fließenden Grenzen zwischen den ehemals schärfer getrennten Bereichen der so genannten Ernsten Kunst und der Unterhaltungsmusik sowie die Internationalisierung der Arbeit bringen Repertoirevariationen mit sich, die den Imagewandel bei Kindern und Jugendlichen vom Liederkranz zur attraktiven Freizeitgestaltung ermöglichen. Eine mehr als gefühlsbasierte Aufwertung des Chorgesangs wird zurzeit durch die neue Herangehensweise an das Bildungsverständnis gefördert: Im Zusammenhang mit der Entwicklung der Ganztagsschulen wird die Bildung im Hinblick auf die kognitiven, sozialen, emotionalen, moralischen und ästhetischen Aspekte wissenschaftlich untersucht. Dem Singen wird in allen (!) Dimensionen eine fördernde Wirkung bescheinigt. Neben diesen Effekten eignet sich gemeinschaftliches Singen nach wie vor als Freiraum für eine nicht weiter normierte und normierende Persönlichkeitsentwicklung, wirkt präventiv im Hinblick auf soziales Verhalten und Gesundheit, macht einfach Spaß und bleibt „die eigentliche Muttersprache eines jeden Menschen“ (Lord Yehudi Menuhin ).
In der jüngsten Vergangenheit wurde also der Bedarf des gemeinsamen Singens von und mit Kindern und Jugendlichen verstärkt sichtbar. Damit dieser auch als eine Notwendigkeit erkannt wird, sind weitere Anstrengungen notwendig.


Singförderung

Von großer Bedeutung ist die Unterscheidung zwischen dem informellen Umgang mit der Gesangsförderung und dem institutionell verankerten Umgang, etwa in Schulen, Kindergärten und Vereinen. Singen und Singanimation jeglicher Art im Elternhaus und anderen informellen Zusammenhängen ist nach wie vor zu begrüßen. Darüber hinaus ist eine Förderung durch Eltern/Großeltern-Kind-Angebote sinnvoll, um die historisch begründeten Defizite in der Singsozialisation vorangegangener Generationen auszugleichen. Gelänge es, Singen als zwanglose Selbstverständlichkeit wieder in unserer Gesellschaft zu etablieren, könnten die derzeit so hochakut spürbaren negativen Auswirkungen des „Verstummens eines Nation“ (FAZ)  ins positive Gegenteil verkehrt werden.
Im Kindergarten und in der Schule ist der Anteil der Singförderung so gering, dass die Entwicklungsdefizite dort nicht ausgeglichen werden, sondern eher weiter zunehmen – positive Ausnahmen bestätigen hierbei eher die traurige Regel. Der Bestätigung solcher best-practice-Beispiele sollte mindestens dieselbe Bedeutung beigemessen werden die der Behebung von Defiziten. Im institutionellen Umgang mit der Singförderung, ob in der Schule, im Verein, in der Musikschule, bei freien oder kommerziellen Trägern, ist besonders darauf zu achten, nicht marktgerecht zu reagieren und die formulierte Nachfrage möglichst schnell mit Angeboten zu bedienen, sondern die Verantwortung für die Kinder und Jugendlichen zu erkennen und die Angebote darauf zu überprüfen, ob sie sich genügend an ihren Bedürfnissen orientieren.
Um möglichst vielen Kindern und Jugendlichen die Chance zu bieten, eine natürliche und ihren Bedürfnissen gerechte „Singsozialisation“ zu erleben, muss die institutionelle Singförderung mehrere Wege zugleich beschreiten. Neben der absoluten Notwendigkeit, das Fach Musik aufrechtzuerhalten und zu fördern, bieten sich folgende Möglichkeiten:

Aus- und Fortbildung

Die Ausbildung der Instrumentalisten mit pädagogischen Arbeitsfeldern muss zwingend den Gesang beinhalten und die Grundsätze des kindgerechten Singens abdecken. Die Ausbildung der Musikpädagogen und Musiklehrer an allgemeinbildenden Schulen muss ebenfalls zwingend den Bereich „Singen mit Kindern“ beinhalten. Fachfremd unterrichtende Lehrkräfte an allgemeinbildenden Schulen müssen eine Basisqualifizierung erhalten. Die Chorleiter/innen müssen eine besondere Kompetenz für die Arbeit mit Kinder- und Jugendchören erwerben können. Die Gesangs- und Singepädagogen müssen den Umgang mit Gruppen einüben können. Zugleich muss es Quereinsteigern ermöglicht werden, sich speziell für diesen Arbeitsbereich fortzubilden. Die Fortbildungen für die Chorleiter/innen der Kinder- und Jugendchöre und fachfremde Lehrer/innen müssen so konzipiert sein, dass die mit unterschiedlichen Vorkenntnissen ausgestatteten Akteure vor dem Hintergrund ihres Ausbildungsgrades abgeholt werden. Eine Vernetzung vorhandener Angebote sowie eine inhaltliche Abstimmung müssen erfolgen, um den Akteuren eine strukturierte Vorgehensweise in Aus- und Fortbildung zu ermöglichen.

Kooperationen

Der akute Mangel an qualifizierten Pädagog/innen und die Neugestaltung des Schulwesens erfordern das Engagement weiterer gesellschaftlicher Gruppen. Die Singmodelle und andere Singprojekte, die außerhalb des Schulbetriebes entstehen, sind einzubeziehen, jedoch unter der Einhaltung der Anforderungen an das kindgerechte Singen. Dabei sollte das gemeinschaftliche Singen außerhalb und innerhalb des Lehrplans eine Rolle spielen können. Erhöhung der Singstundenanzahl in der Woche, Erhöhung des Singanteils im Musikunterricht, Erhöhung der Liedbeiträge in anderen Fächern sowie gemeinsames Singen vor dem Erlernen eines Instrumentes sollten in jeder Schule ermöglicht werden. Dafür eignen sich Lehrertandems sowie andere Kooperationsformen mit Vereinen und Musikschulen vor Ort. Darüber hinaus können zeitlich beschränkte Singprojekte eingesetzt werden. Hier eignen sich bereits ausgearbeitete Projekte der außerschulischen Träger, die sowohl fächerübergreifende, etwa zum Thema Kinderrechte, als auch chorbezogene Projekte anbieten. Ferner sind Chor-AG´s, Schüler-Lehrer-Chöre sowie kunstspartenübergreifende Projekte, etwa Musicals, zu fördern, die ebenfalls in Kooperation zwischen Schulen und außerschulischen Partnern durchgeführt werden können. Während der Gewinn für die Schulen in der sängerisch-musikalischen Kompetenz der außerschulischen Partner liegt, profitieren diese von den methodisch-didaktischen Kompetenzen der Lehrkräfte.

Die Angebote der potentiellen außerschulischen Kooperationspartner sind vielfältig. Bei der Entwicklung und Auswahl solcher Angebote ist unbedingt darauf zu achten, dass sie einerseits Impulse auslösen und andererseits nachhaltig wirken, also den Kindern und Jugendlichen ein dauerhaftes und altersgerechtes Engagement ermöglichen. Schließlich kann durch die ganzheitliche Einbeziehung der Kinder und Jugendlichen selbst langfristig gelingen, die Defizite in der Singvermittlung abzubauen. Dafür eignen sich z. B. Mentorenmodelle, in denen die Schüler/innen an die musikalischen und organisatorischen Grundlagen herangeführt werden. Die Kinder- und Jugendbeteiligung an den Ideenfindungs- und Umsetzungsprozessen insgesamt fördert die gesellschaftlich bedeutende Nachwuchsarbeit. Schulen und Vereine können dabei jeweils ihre Kompetenzstärken in Kooperationen einbringen, um den Kindern und Jugendlichen optimale Bedingungen zu gewähren.


Richtiges Singen mit Kindern und Jugendlichen

Häufig wird davon ausgegangen, dass die Notwendigkeit, kindgerecht zu singen, zu Allgemeinplätzen gehört. In der Praxis gestalten sich die Rahmenbedingungen so, dass zu wenige entsprechend ausgebildete Pädagogen zur Verfügung stehen, die finanziellen und personellen Ressourcen eingeschränkt sind, jede musikalisch tätige Person auch organisatorische bzw. verwaltungstechnische Aufgaben wahrnehmen muss, und die potentiellen und vorhandenen Kooperationspartner nicht in aufwändigen Qualitätssicherungsprozessen geprüft werden können. Auf diese Weise entstehen bisweilen Kompromisse, die die größtmögliche Persönlichkeitsförderung der jungen Sänger/innen nicht entfalten lassen können oder schlimmstenfalls auf Kosten der Gesundheit ausgetragen werden, etwa indem der Stimmapparat beschädigt wird. Es ist sicherlich unrealistisch, kurzfristig die personelle und finanzielle Ausstattung einzufordern, um solche Kompromisse zu vermeiden. Es muss aber erkannt werden, dass in jedem Kinder- und Jugendchor, in jeder Chorklasse und in jedem Singmodell mit und ohne außerschulische Kooperationspartner diese Mindestanforderung, kindgerecht zu singen, eingehalten wird und überprüft werden können muss.

Was kindgerechtes Singen bedeutet, gehört zu weiteren vermeintlichen Allgemeinplätzen, die bei näherer Betrachtung selbst unter Fachleuten umstritten sind: Müssen die Tonart und der Ambitus eindeutig definiert sein oder muss die Fachkraft in der Lage sein, diese an die jeweilige Gruppe anzupassen? Sollte ein fester Kanon von Kinderliedern definiert werden, die alle Kinder einer Generation kennen? Wie sollen die Kinder Skalen, rhythmische Strukturen und Melodienstrukturen anderer Kulturkreise kennenlernen? Welche Rolle spielt die Vermittlung eines im besten Sinne traditionellen Repertoires zur Bewusstseinsbildung für unsere gewachsene Singkultur? Wie sollen die Lieder inhaltlich ausgesucht werden, damit die Kinder auch durch die Texte und Umsetzung in ihrer Persönlichkeitsentwicklung unterstützt werden? Ab wann sollen die Kinder Zwei- und Mehrstimmigkeit beherrschen? Wie ist Kinderbeteiligung im Verein und in der Schule, wo sie durchaus unterschiedlich wahrgenommen wird, zu verstehen und zu realisieren? In welche Entscheidungsprozesse sollen die einzelnen Gruppen und Gruppenmitglieder einbezogen werden? Welche Lockerungsübungen, Begleitinstrumente und spielerische Zugänge sind geeignet? Wie lange dürfen die Proben dauern?  Diese und viele andere Fragen werden in Fach- und Praxiswelt  diskutiert. 

Wie in jedem kreativen Prozess ist es problematisch, Mindestkriterien für das Singen festzulegen. Noch komplizierter gestaltet sich die Herangehensweise, wenn die Vielfalt von Singmodellen berücksichtigt werden soll, die Vielfalt der Schulformen oder die Tatsache, dass es keine homogenen Lerngruppen gibt. Ist es in diesem Fall sinnvoll, Ansprüche an gemeinsames Singen mit und von Kindern und Jugendlichen zu definieren? Wenn Kinder und Jugendliche alle Möglichkeiten in der kognitiven, sozialen, emotionalen, moralischen und ästhetischen Dimension ihrer Persönlichkeitsentwicklung bekommen sollen, die gemeinsames Singen mit sich bringt, wenn ihr Instrument Stimme sich physisch zu voller Leistungsfähigkeit entwickeln soll und wenn  wir die Verantwortung dafür ernst nehmen, müssen die Mindestanforderungen für kindgerechtes Singen präzisiert und ihre Umsetzung in Klassen, Chören, Vereinen, freien Gruppen, in der Aus- und Fortbildung der Fachkräfte sowie in den Kooperationen zwischen Schulen und außerschulischen Partnern forciert werden. Dazu gehören musikalische Eckpunkte, die Fragen der Kinder- und Jugendbeteiligung sowie die Aspekte für eine gelungene Kooperation zwischen Schulen und außerschulischen Trägern. Ein konkreter Weg schein es zu sein,  differenzierte Curricula für annähernd vergleichbare Gruppen und Situationen zu formulieren. So lassen sich die Soll-Ansprüche an eine gut ausgebildete Kinderstimme am Ende der Grundschulzeit durchaus konkret fassen. Wie fein ausgearbeitet solche Curricula sein können und wie viel Orientierung (nicht Einengung) sie den Akteure bieten können, zeigen Beispiele aus anderen Ländern, insbesondere aus den „Sing-Hochkulturen“ Skandinaviens, Englands usw. Ebenfalls zu überlegen wäre eine Konkretisierung der Anforderungen an stimmliche Fähigkeiten der Erzieher/innen, Lehrkräfte und Chorleiter/innen noch vor den Anforderungen an die Kinder; Vorbildfunktion und Vermittlungskompetenz sind hier gleichermaßen gefragt. All sie müssen zunächst eines können: Singen!

Die Deutsche Chorjugend als größte Interessenvertretung der singenden Jugend in Deutschland wird die Entwicklung von Qualitätskriterien für das richtige Singen mit Kindern und Jugendlichen weiter vorantreiben.

 

Das Positionspapier ist ein Ergebnis der ChorVision 2009 und wurde am 06.03.2010 vom Chorjugendtag beschlossen.